Vor 10 Stunden
Der Regen hatte kurz zuvor aufgehört, jedenfalls so weit, dass er nicht mehr fiel. Zurück blieb dieses warme, schmierige Nachtröpfeln, das den Staub nur an die Oberfläche zog und alles glänzen ließ, ohne wirklich sauber zu werden. Die Straße lag eingeklemmt zwischen zwei alten Logistikblöcken aus den Neunzigern, nackter Beton, später ergänzt durch LED-Leisten und großformatige Werbetafeln. Chrome, aber nicht futuristisch, sondern billig poliert. Kabelkanäle liefen außen an den Fassaden entlang, improvisiert, offen, und ein paar Monitore flackerten, als hätten sie sich nie entschieden, was sie eigentlich zeigen sollten.
Es war eine C-Zone, vielleicht schon D, je nachdem, wen man fragte. Es gab kein Schild, das darauf hinwies. Nur dieses Gefühl, das sich einstellte, wenn man hier länger stehen blieb.
Vier Menschen standen unter dem Vordach eines geschlossenen Ersatzteilladens. Zwei von ihnen trugen ASIN-Karten sichtbar am Gürtel, eine offen, fast demonstrativ, die andere halb in der Tasche verschwinden gelassen, als wäre sie etwas, für das man sich entschuldigen musste. Sie sprachen kein Irkisch, und das fiel sofort auf. Nicht, weil sie laut oder provozierend gewesen wären, sondern wegen des Tempos. Ein Mischmasch aus Englisch, etwas Futunisch, etwas Slawischem, zu schnell gesprochen, zu viele Wörter hintereinander. Einer lachte kurz, nervös, als wolle er die eigene Unsicherheit überspielen.
Auf der anderen Straßenseite blieb ein Mann stehen. Irkanier, Mitte dreißig vielleicht, Arbeitsjacke, keine Abzeichen, kein sichtbares Klanzeichen. An seinem Gürtel hing ein Sax, nicht gezogen, nicht betont, einfach da. Er sah hinüber, hörte zu und verstand nicht alles, aber genug.
Die Fremden gestikulierten viel, zeigten auf die Kisten im offenen Transporter. Metallkisten, versiegelt, nummeriert, ohne Logos. Waffen. Nicht offen, aber auch nicht so versteckt, wie man es hier erwartet hätte. Der Mann wechselte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Noch geschah nichts.
Dann trat ein zweiter Irkanier hinzu, älter, mit Glatze, die Hände von leichten Verätzungen gezeichnet, ein Industriearbeiter. Er blieb stehen und sagte etwas leise, einen einzigen Satz, auf Irkisch. Die Reaktion der Fremden war falsch. Nicht aggressiv, aber schnell, zu schnell. Einer hob beschwichtigend die Hände, sagte etwas auf Englisch und lächelte dabei.
Das Lächeln war der Fehler.
Der ältere Irkanier antwortete nicht. Er sah auf die Kisten, dann auf die ASIN, dann wieder ins Gesicht. „Das hier“, sagte er schließlich, langsam und deutlich, auf Irkisch, ruhig, ohne Fluch, ohne Befehl. Die Fremden verstanden kein Wort, und schlimmer noch: sie merkten nicht, dass sie etwas nicht verstanden hatten. Das war der zweite Fehler.
Ein dritter Irkanier tauchte auf, dann ein vierter. Keine organisierte Gruppe, einfach Leute aus dem Viertel: Arbeiter, ein Lieferfahrer, jemand mit Einkaufstaschen. Noch immer zog niemand eine Waffe. Die Situation kippte nicht, sie spannte sich nur, wie eine Leitung, durch die zu viel Strom fließt, die aber noch hält.
Dann griff einer der Fremden in seine Jacke. Nicht hastig, nicht bedrohlich, aber falsch. Der Sax blieb in der Scheide, doch jemand rief etwas, ein einzelnes Wort, scharf, auf Irkisch. Und weiter hinten, kaum sichtbar, bewegte sich etwas Metallisches. Noch kein Schuss, noch kein Blut, nur dieses Wissen, das sich plötzlich durchsetzte: Hier hörte gerade niemand mehr richtig zu.
Der Mann griff nicht nach einer Waffe, sondern nach seinem Funkgerät. Ein kurzer Klick, kein Rufzeichen, kein Name, nur ein Ton. Zwei Sekunden später kam die Antwort, nicht über Funk, sondern über Bewegung. Am Ende der Straße öffnete sich eine Seitentür, Metall quietschte gedämpft, geölt. Drei Männer traten heraus, nicht uniformiert, nicht gleich gekleidet, aber gleich ruhig. Einer trug trotz der Hitze einen langen Mantel, unter dem sich etwas Schweres abzeichnete.
Jetzt wurde der Sax gezogen, nicht erhoben, nur sichtbar. Die Fremden redeten schneller, Englisch, „Hey, hey—“, zu viele Worte, keines davon passend. Der Mann mit der ASIN zog sie nun ganz aus der Tasche und hielt sie hoch, als wäre sie ein Schutzschild. „We are registered—“
Der Satz endete nicht, nicht weil ihn jemand unterbrach, sondern weil niemand mehr zuhörte.
Der Mantel öffnete sich. Ohne Drama, ohne Zögern. Ein leichtes Maschinengewehr kam zum Vorschein, alt, aber gepflegt, kein Militärstandard, aber nah genug. Chrome am Verschluss, nachgerüstet, persönlich. Der erste Feuerstoß war kurz, nicht um zu töten, sondern um zu markieren. Beton explodierte, Splitter rissen durch die Luft, Schreie hallten zwischen den Fassaden.
Der zweite Stoß war gezielt. Der Mann mit der offen getragenen ASIN fiel rückwärts, nicht tot, noch nicht, aber sein Bein existierte plötzlich nicht mehr als Ganzes. Panik brach aus. Die Fremden rannten, in die falsche Richtung. Die Straße war zu eng, die Fluchtwege kannten nur die, die hier lebten.
Ein weiterer Irkanier trat vor. Er trug keine Schusswaffe, nur den Sax. Er ging nicht schnell, wartete, bis einer stolperte. Der Schnitt war kurz und präzise, nicht grausam, funktional. In diesem Moment war es kein Konflikt mehr, sondern Säuberung.
Die Salven des Maschinengewehrs wurden länger, nicht wild, sondern kontrolliert. Knie, Rücken, Brust. Fenster zerbarsten, Menschen schrien aus Wohnungen, die nichts damit zu tun hatten. Jemand rief die Polizei. Niemand kam. Eine Drohne tauchte auf, ein Zivilmodell, die Kamera blinkte. Ein Schuss, und sie fiel wie ein Stein.
Der Transporter versuchte zu starten. Ein Mann sprang auf die Ladefläche und riss eine Kiste auf. Waffen, sauber verpackt, Seriennummern entfernt. „Nicht hier“, sagte jemand auf Irkisch, ruhig, fast enttäuscht. Das Maschinengewehr drehte sich, ein letzter Feuerstoß, der Motor starb, und der Fahrer mit ihm.
Dann war es vorbei. Nicht abrupt, sondern leer. Der Regen setzte wieder ein, leicht und warm, und wusch das Blut in die Ritzen des Asphalts. Das Samfunnet sammelte die Kisten ein, nicht hastig, sondern wie Familienbesitz. Niemand jubelte, niemand lachte. Es war keine Freude gewesen, sondern Pflicht.
Zehn Minuten später rollten Naudiz-Fahrzeuge an, zu spät, absichtlich. Ein Offizier sah sich um, nickte einmal und machte ein paar Markierungen im System.
Z-Zwischenfall. Lokale Eskalation. Ursache: kulturelle Misskommunikation.
So würde es später heißen.
Im Viertel würde man sagen: „Die Fremden haben nicht zugehört.“
Und das war, aus irkanischer Sicht, die ganze Geschichte.
Es war eine C-Zone, vielleicht schon D, je nachdem, wen man fragte. Es gab kein Schild, das darauf hinwies. Nur dieses Gefühl, das sich einstellte, wenn man hier länger stehen blieb.
Vier Menschen standen unter dem Vordach eines geschlossenen Ersatzteilladens. Zwei von ihnen trugen ASIN-Karten sichtbar am Gürtel, eine offen, fast demonstrativ, die andere halb in der Tasche verschwinden gelassen, als wäre sie etwas, für das man sich entschuldigen musste. Sie sprachen kein Irkisch, und das fiel sofort auf. Nicht, weil sie laut oder provozierend gewesen wären, sondern wegen des Tempos. Ein Mischmasch aus Englisch, etwas Futunisch, etwas Slawischem, zu schnell gesprochen, zu viele Wörter hintereinander. Einer lachte kurz, nervös, als wolle er die eigene Unsicherheit überspielen.
Auf der anderen Straßenseite blieb ein Mann stehen. Irkanier, Mitte dreißig vielleicht, Arbeitsjacke, keine Abzeichen, kein sichtbares Klanzeichen. An seinem Gürtel hing ein Sax, nicht gezogen, nicht betont, einfach da. Er sah hinüber, hörte zu und verstand nicht alles, aber genug.
Die Fremden gestikulierten viel, zeigten auf die Kisten im offenen Transporter. Metallkisten, versiegelt, nummeriert, ohne Logos. Waffen. Nicht offen, aber auch nicht so versteckt, wie man es hier erwartet hätte. Der Mann wechselte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Noch geschah nichts.
Dann trat ein zweiter Irkanier hinzu, älter, mit Glatze, die Hände von leichten Verätzungen gezeichnet, ein Industriearbeiter. Er blieb stehen und sagte etwas leise, einen einzigen Satz, auf Irkisch. Die Reaktion der Fremden war falsch. Nicht aggressiv, aber schnell, zu schnell. Einer hob beschwichtigend die Hände, sagte etwas auf Englisch und lächelte dabei.
Das Lächeln war der Fehler.
Der ältere Irkanier antwortete nicht. Er sah auf die Kisten, dann auf die ASIN, dann wieder ins Gesicht. „Das hier“, sagte er schließlich, langsam und deutlich, auf Irkisch, ruhig, ohne Fluch, ohne Befehl. Die Fremden verstanden kein Wort, und schlimmer noch: sie merkten nicht, dass sie etwas nicht verstanden hatten. Das war der zweite Fehler.
Ein dritter Irkanier tauchte auf, dann ein vierter. Keine organisierte Gruppe, einfach Leute aus dem Viertel: Arbeiter, ein Lieferfahrer, jemand mit Einkaufstaschen. Noch immer zog niemand eine Waffe. Die Situation kippte nicht, sie spannte sich nur, wie eine Leitung, durch die zu viel Strom fließt, die aber noch hält.
Dann griff einer der Fremden in seine Jacke. Nicht hastig, nicht bedrohlich, aber falsch. Der Sax blieb in der Scheide, doch jemand rief etwas, ein einzelnes Wort, scharf, auf Irkisch. Und weiter hinten, kaum sichtbar, bewegte sich etwas Metallisches. Noch kein Schuss, noch kein Blut, nur dieses Wissen, das sich plötzlich durchsetzte: Hier hörte gerade niemand mehr richtig zu.
Der Mann griff nicht nach einer Waffe, sondern nach seinem Funkgerät. Ein kurzer Klick, kein Rufzeichen, kein Name, nur ein Ton. Zwei Sekunden später kam die Antwort, nicht über Funk, sondern über Bewegung. Am Ende der Straße öffnete sich eine Seitentür, Metall quietschte gedämpft, geölt. Drei Männer traten heraus, nicht uniformiert, nicht gleich gekleidet, aber gleich ruhig. Einer trug trotz der Hitze einen langen Mantel, unter dem sich etwas Schweres abzeichnete.
Jetzt wurde der Sax gezogen, nicht erhoben, nur sichtbar. Die Fremden redeten schneller, Englisch, „Hey, hey—“, zu viele Worte, keines davon passend. Der Mann mit der ASIN zog sie nun ganz aus der Tasche und hielt sie hoch, als wäre sie ein Schutzschild. „We are registered—“
Der Satz endete nicht, nicht weil ihn jemand unterbrach, sondern weil niemand mehr zuhörte.
Der Mantel öffnete sich. Ohne Drama, ohne Zögern. Ein leichtes Maschinengewehr kam zum Vorschein, alt, aber gepflegt, kein Militärstandard, aber nah genug. Chrome am Verschluss, nachgerüstet, persönlich. Der erste Feuerstoß war kurz, nicht um zu töten, sondern um zu markieren. Beton explodierte, Splitter rissen durch die Luft, Schreie hallten zwischen den Fassaden.
Der zweite Stoß war gezielt. Der Mann mit der offen getragenen ASIN fiel rückwärts, nicht tot, noch nicht, aber sein Bein existierte plötzlich nicht mehr als Ganzes. Panik brach aus. Die Fremden rannten, in die falsche Richtung. Die Straße war zu eng, die Fluchtwege kannten nur die, die hier lebten.
Ein weiterer Irkanier trat vor. Er trug keine Schusswaffe, nur den Sax. Er ging nicht schnell, wartete, bis einer stolperte. Der Schnitt war kurz und präzise, nicht grausam, funktional. In diesem Moment war es kein Konflikt mehr, sondern Säuberung.
Die Salven des Maschinengewehrs wurden länger, nicht wild, sondern kontrolliert. Knie, Rücken, Brust. Fenster zerbarsten, Menschen schrien aus Wohnungen, die nichts damit zu tun hatten. Jemand rief die Polizei. Niemand kam. Eine Drohne tauchte auf, ein Zivilmodell, die Kamera blinkte. Ein Schuss, und sie fiel wie ein Stein.
Der Transporter versuchte zu starten. Ein Mann sprang auf die Ladefläche und riss eine Kiste auf. Waffen, sauber verpackt, Seriennummern entfernt. „Nicht hier“, sagte jemand auf Irkisch, ruhig, fast enttäuscht. Das Maschinengewehr drehte sich, ein letzter Feuerstoß, der Motor starb, und der Fahrer mit ihm.
Dann war es vorbei. Nicht abrupt, sondern leer. Der Regen setzte wieder ein, leicht und warm, und wusch das Blut in die Ritzen des Asphalts. Das Samfunnet sammelte die Kisten ein, nicht hastig, sondern wie Familienbesitz. Niemand jubelte, niemand lachte. Es war keine Freude gewesen, sondern Pflicht.
Zehn Minuten später rollten Naudiz-Fahrzeuge an, zu spät, absichtlich. Ein Offizier sah sich um, nickte einmal und machte ein paar Markierungen im System.
Z-Zwischenfall. Lokale Eskalation. Ursache: kulturelle Misskommunikation.
So würde es später heißen.
Im Viertel würde man sagen: „Die Fremden haben nicht zugehört.“
Und das war, aus irkanischer Sicht, die ganze Geschichte.
„Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
den hohen Baum mit heiligem Wasser besprengt;
von ihm fällt Tau in die Täler nieder,
immergrün steht er am Urdbrunnen.“
– Völuspá, Die Edda
Das Schicksal ist ein Netz, gewoben von Urd, Verdandi und Skuld – unausweichlich, unergründlich, und doch voller Möglichkeiten.
den hohen Baum mit heiligem Wasser besprengt;
von ihm fällt Tau in die Täler nieder,
immergrün steht er am Urdbrunnen.“
– Völuspá, Die Edda
Das Schicksal ist ein Netz, gewoben von Urd, Verdandi und Skuld – unausweichlich, unergründlich, und doch voller Möglichkeiten.