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Der Block war leiser als sonst - Nornen - 20.01.2026 Der Block war leiser als sonst. Nicht still, nicht friedlich – eher dieses gedämpfte Schweigen, das entsteht, wenn alle wissen, dass etwas passiert ist, aber niemand es richtig benennen will. Unten im Hof standen noch die rot-weißen Absperrbänder, schlampig um einen Laternenmast geknotet. Der Asphalt war sauber, zu sauber. Jemand hatte in der Nacht gründlich gearbeitet. In der Küche der Bondes lief das Radio leise. Sigmund stand am Fenster, eine Tasse in der Hand, und sah auf den Hof hinunter. Er sagte lange nichts. „Sie sagen im Radio, es war eine Auseinandersetzung zwischen einem Klan und einer Gang“, meinte Diomira schließlich, ohne aufzusehen. Sie schnitt Brot, langsam, gleichmäßig. „Keine Namen. Kein Motiv.“ „Brauchen sie auch nicht“, brummte Sigmund. „Territorium. War immer so.“ Thorfyn saß am Tisch, den Rücken gerade, die Hände gefaltet. „Früher hätte man dafür einen Zug geschickt. Zwei Stunden, dann wäre Ruhe gewesen.“ „Früher“, sagte Diomira scharf. „Früher war auch vieles kaputter.“ Ludolf lehnte am Türrahmen, noch in seiner Krankenhausjacke. Er roch nach Desinfektionsmittel. „Sie haben drei reingebracht heute Nacht. Messer. Einer mit Durchschuss im Oberschenkel. Alle wollten nichts sagen.“ „Natürlich wollten sie nichts sagen“, warf Folko ein. Er saß auf der Arbeitsplatte, die Arme verschränkt. „Wenn du was sagst, bist du der Nächste. Oder deine Schwester.“ Armine hob den Kopf. „In der Schule sagen alle was anderes. Manche sagen, es ging um Drogen. Andere um eine Frau.“ „Es geht nie um Frauen“, sagte Gunthilde trocken vom Sofa aus, die Stiefel noch an den Füßen. „Es geht um Ecken. Straßen. Wer wo stehen darf.“ Diomira sah sie an. „Du warst draußen.“ „Ja.“ Gunthilde zuckte mit den Schultern. „Vorher. Nicht dabei. Aber nah genug. Man hat’s gehört. Erst Schreien. Dann Knallen. Nicht viele. Aber genug.“ „Und du bist nicht nach Hause gekommen“, sagte Sigmund ruhig. „Doch“, entgegnete sie. „Später.“ Für einen Moment sagte niemand etwas. Das Radio rauschte. „Die Nachbarn machen heute die Läden früher zu“, meinte Armine leise. „Frau Kesvik hat gesagt, sie lässt die Kinder nicht allein raus.“ „Klug“, sagte Thorfyn. „Feige“, murmelte Gunthilde. Folko schüttelte den Kopf. „Nein. Vorsichtig. Das hier ist keine Front. Das ist schlimmer. Das ist… zufällig.“ Ludolf nickte langsam. „Im Krankenhaus nennen sie das ‚unklare Lage‘. Heißt: Jeder rechnet mit dem Nächsten.“ Diomira legte das Messer beiseite. „Ich hasse das. Dieses Warten. Als würde das Viertel den Atem anhalten.“ Von draußen hörte man Stimmen. Zwei Nachbarn sprachen gedämpft, fast flüsternd. Ein Kind lachte irgendwo – zu laut, zu kurz. Sigmund stellte die Tasse ab. „Heute bleibt ihr im Block. Alle. Wer raus muss, sagt Bescheid.“ Gunthilde verdrehte die Augen, sagte aber nichts. Armine sah wieder aus dem Fenster. „Es fühlt sich anders an“, sagte sie. „Nicht wie Angst. Mehr so… angespannt. Als ob das Viertel sich merkt, was passiert ist.“ Thorfyn nickte langsam. „Das tut es auch. Orte vergessen sowas nicht.“ Eine Sirene in der Ferne. Keine Eile. Routine. Das Radio meldete, die Lage sei unter Kontrolle. Niemand in der Küche glaubte das. |